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09.06.2018

Wenn die Menschlichkeit schwindet...

Es gibt Bühnenwerke, die zum Zurücklehnen einladen, bei denen man sich unterhaltsam berieseln lässt. Beim nun gezeigten Stück der Theater-AG des Schiller-Gymnasiums war es jedoch offensichtlich eine gänzlich andere Funktion von Theater, die im Vordergrund stand: anregen, aufwühlen, aufwecken! Das ist der Gruppe aus jungen Schauspielern bestens gelungen, die sich an ein für sie selbst und die Zuschauer höchst anspruchsvolles Stück gewagt haben, das sensible Themen aufgreift: Mobbing und Vernachlässigung als Formen von versteckter Gewalt im Schulkontext, die dazu führen können, dass Betroffene zu extremen Mitteln greifen, um die ersehne Aufmerksamkeit zu bekommen. Eindrucksvoll wurde dieses durch die Gruppe im selbstgeschriebenen Stück „Eine Klasse – ein Körper – ein Team“ in drei zahlreich besuchten Aufführungen vermittelt, die ihren Zweck, für Nachhall zu sorgen, intensiv erfüllten.
 
Der Ort des Geschehens, die eine Bühnenszenerie, die durchgängig besteht und in der sich über die gesamte Dauer des Stücks alle Schauspieler zeigen, ist ein  Klassenzimmer samt all seiner Alltags-Akteure in gewohnter Kulisse, die dem Publikum äußerst vertraut ist.
Eigentlich ist es nur die Mathearbeit, durch die sich die Schülerinnen und Schüler am scheinbar ganz normalen Morgen mehr oder minder unwohl fühlen. Doch aus der Situation - die Bearbeitung der Aufgaben wurde gerade begonnen - entwickelt sich, ausgelöst durch eine Warndurchsage und gesteigert durch angstvolles Schreien aus dem Off, auch beim Publikum, das sich bei dieser Aufführung immerhin selbst in einer Schulaula befand, eine höchst angespannte Stimmung. Diese steigert sich, bis sich auf der Bühne tatsächlich die Amok-Situation bewahrheitet und der unerkennbare Täter (trotz der Maske sehr ausdrucksstark gespielt von Carla Albrecht) den Klassenraum zum Gefängnis werden lässt: Aufbauend auf der Angst, die seine Waffe auslöst, schafft er es durch Handlungsaufforderungen, die vermeintlich gute Klassengemeinschaft zu entlarven.

So muss beispielsweise der Lehrer (treffend dargestellt von Finn Schröder) der Schülerin, die ihn naiv anhimmelt, ins Gesicht spucken und die Intrigen spinnende Lügnerin der Klasse muss ihre Hand wahrlich ins Feuer legen. Metaphorische Aktionen dieser Art fordert der Täter ein, um das zu rächen, was ihm widerfahren ist. Denn hinter der Maske verbirgt sich ein Mitglied der Klasse, das durch Vernachlässigung und Mobbing, durch Ausgrenzung und Unachtsamkeit vom Opfer zum Täter wurde und was sich und all das Leid, das ihm angetan wurde, am Ende des Stückes offenbart. Durch die mit vorgehaltener Waffe erzwungenen Handlungen werden all die kleinen Grausamkeiten des Alltags sichtbar, verlieren die bedrohten Schüler in ihrer Panik und Angst, welche die Schauspieler überzeugend vermittelten, immer mehr ihre Menschlichkeit.

Die Theater-AG des Schiller-Gymnasiums hat mit ihrem Stück eine Thematik an einen Ort und vor ein Publikum geholt, wo ein stärkerer Bezug zum eigenen Alltag wohl kaum möglich ist. Mit einer intensiven Verdichtung der Handlung des Romans „Was wir dachten, was wir taten“ von Lea-Lina Oppermann und einer sehr überzeugenden schauspielerischen Leistung schafften es die jungen Akteure, darauf aufmerksam zu machen, wie sich schleichend und durch einzelne Verfehlungen der Klassenmitglieder ein Netz aus Unmenschlichkeiten aufbaut, das sich immer enger um eine Person spannt, bis die Befreiung nur noch durch eine Extremhandlung möglich ist.
„Mich hat das Stück zum Nachdenken darüber gebracht, wie wir in der Klasse und auch in unserer Freizeit miteinander umgehen“, äußerte sich ein Achtklässler im Gespräch, das die Theater-Gruppe direkt im Anschluss an das Stück anbot und mit dem die Anspannungen und Gedanken, die sich beim jungen Publikum aufgebaut haben, kanalisiert werden konnten. Und auch die Nachbesprechungen im Unterricht, die nach dieser zur Selbstreflexion anregenden Darstellung stattfanden, zeigte in vielen Klassen, dass sich der Mut und die intensive Arbeit der Theater-AG, die dieses Stück einforderte, sehr gelohnt haben.
Die Arbeitsgemeinschaft besteht aus 17 Schülerinnen und Schülern und spielt im Stamm seit ihrem Start am Schiller-Gymnasium vor rund fünf Jahren zusammen. „Die Homogenität der Gruppe und die Vertrautheit untereinander ermöglichen es, intensiv auch an extremen Szenen zu arbeiten“, stellt der Leiter der Gruppe, Reinhard Spiess, heraus. Das wird auch an den Projekten der letzten Jahre deutlich: Nach Szenencollagen zu Topoi wie „Glück“ (2013) und „Mut“ (2015) und zu Gemälden (2017) sowie einer Märchenverfremdung (2014) ist das Stück „Ein Körper – eine Klasse – ein Team“ nach „Der Unsichtbare“ (2016) die zweite Adaption eines Romans für das Theater, derer diese Theatergruppe sich annahm, die sich außerdem freuen würde, das Stück außerhalb der eigenen Schule auf die Bühne zu bringen. Interessenten sind daher herzlich eingeladen, sich beim Ensemble diesbezüglich zu melden.

 

Copyright Bilder: Schiller-Gymnasium Hameln